Zum Inhalt springen

Teleintensivmedizin

Dr. Dr. med. Nora Schorscher: Intensivmedizinerin und Mitgründerin von LUNOVIA

Luis-Fernando PeraltaGeschäftsführer8 Min. Lesezeit

Intensivmedizin, telemedizinische Projektarbeit und Unternehmertum: Wie aus einem stockenden bayerischen Pilotprojekt ein nutzbarer Teleintensivwagen wurde – und welche Fragen Nora Schorscher als Chief Medical Officer in die Produktentwicklung von LUNOVIA einbringt.

Dr. Dr. med. Nora Schorscher, Intensivmedizinerin und Mitgründerin von LUNOVIA, im klinischen Umfeld

Telemedizin entfaltet ihren Wert nicht auf einer Präsentationsfolie, sondern in dem Moment, in dem sie eine klinische Entscheidung unterstützt. Dr. Dr. med. Nora Schorscher kennt diesen Moment aus eigener Erfahrung. Sie ist Funktionsoberärztin für Anästhesiologie am Universitätsklinikum Würzburg, Fachärztin für Anästhesiologie mit Zusatzbezeichnung Intensivmedizin, Leiterin des dort koordinierten Pilotprojekts „Tele-Intensivmedizin in Bayern“ (NETIB) – und Mitgründerin sowie Chief Medical Officer von LUNOVIA.

Ihr beruflicher Weg verbindet unmittelbare Patientenversorgung, internationale Ausbildung, Projektleitung und Unternehmertum. Diese Kombination erklärt, weshalb Schorscher Telemedizin nicht als isoliertes IT-Thema betrachtet. Für sie beginnt die relevante Frage früher: Welche Informationen braucht ein ärztliches Team, um einen Patienten aus der Distanz fachlich fundiert beurteilen zu können? Und welche technische und organisatorische Lösung funktioniert auch dann, wenn auf einer Station Zeit, Personal und Aufmerksamkeit knapp sind?

Klinische Arbeit als Ausgangspunkt

Fr. Dr. Dr. med. Schorscher arbeitet weiterhin in der Versorgung. Anästhesie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Intensivtransport gehören zu dem klinischen Umfeld, aus dem ihre Arbeit an telemedizinischen Strukturen hervorgegangen ist. Das ist für ihre Rolle bei LUNOVIA entscheidend: Sie entwickelt medizinische Anforderungen nicht aus einer abstrakten Produktperspektive, sondern aus konkreten Situationen am Patientenbett.

Gerade in der Intensivmedizin zeigt sich, wie ungleich spezialisierte Expertise verteilt ist. Nicht jedes Krankenhaus kann für jede komplexe Beatmungssituation, jede seltene Konstellation oder jede potenzielle Verlegung jederzeit die passende Expertise vorhalten. Ein Telekonsil ersetzt dabei weder das behandelnde Team vor Ort noch dessen Verantwortung. Es schafft einen zusätzlichen fachlichen Blick und ermöglicht eine strukturierte gemeinsame Beurteilung.

Diese Logik prägt Schorschers Verständnis von Telemedizin bis heute: Nicht die maximale technische Integration ist automatisch die beste Lösung. Entscheidend ist, welche Form der Vernetzung im klinischen Alltag sicher, verständlich und tatsächlich nutzbar ist.

Ein internationaler Weg mit medizinischem Schwerpunkt

Aufgewachsen ist Nora Schorscher in den Haßbergen. Bereits als Jugendliche zog es sie in ein internationales Umfeld: Mit einem Stipendium besuchte sie das United World College in Norwegen und legte dort das International Baccalaureate ab. Ab 2006 studierte sie Medizin am Imperial College London und ergänzte das Studium um einen Bachelor in Healthcare Management. Nach ersten ärztlichen Berufsjahren in England und einer Station bei der Sozialstiftung Bamberg folgte von 2015 bis 2017 ein Masterstudium in Advanced International Studies an der Diplomatischen Akademie Wien. Seit Oktober 2017 arbeitet sie am Universitätsklinikum Würzburg. Anfang 2024 war sie für einen sechswöchigen Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen im Südsudan.

Zu ihrer Biografie gehört auch eine Erfahrung, die ihren Umgang mit ungeplanten Entwicklungen geprägt hat. Im Jahr 2006 geriet sie während eines Besuchs im Libanon in den dortigen Krieg und war fast drei Wochen vor Ort eingeschlossen. In einem späteren Porträt beschrieb sie daraus eine Haltung, die auch ihren beruflichen Weg kennzeichnet: offen für Veränderungen zu bleiben, ohne Verantwortung dem Zufall zu überlassen.

Medizin, Management und internationale Politik wirken auf den ersten Blick wie unterschiedliche Richtungen. In Schorschers Arbeit treffen sie jedoch aufeinander. Klinische Expertise allein baut noch kein Versorgungsnetzwerk auf. Dafür braucht es ebenso Kommunikation, institutionelles Verständnis, Beharrlichkeit und die Fähigkeit, unterschiedliche Interessen in einen praktikablen Prozess zu übersetzen.

Vom stockenden Pilotprojekt zur nutzbaren Lösung

Als Schorscher 2021 die Leitung des Pilotprojekts „Tele-Intensivmedizin in Bayern“ übernahm, bestand die Förderung bereits seit mehreren Jahren. Der Aufbau eines funktionierenden Netzwerks war jedoch kaum vorangekommen. Verfügbare Telemedizinsysteme wurden als zu teuer, zu komplex oder zu aufwendig für die beteiligten Häuser bewertet.

Der anschließende Fortschritt war keine Einzelleistung. Gemeinsam mit Intensivmedizinern des UKW und Fachleuten des Servicezentrums Medizin-Informatik entstand ein interdisziplinärer Entwicklungsprozess. Schorschers zentrale Aufgabe lag darin, die klinischen Anforderungen zu definieren, das Projekt voranzutreiben und die beteiligten Einrichtungen für einen neuen, pragmatischeren Ansatz zu gewinnen. Die technische Entwicklung wurde insbesondere durch das Team des Servicezentrums Medizin-Informatik begleitet.

Innerhalb eines Jahres entstand ein mobiler Teleintensivwagen für virtuelle Visiten und Konsile. Statt eine umfassende Datenintegration in die unterschiedlichen Krankenhausinformations-, PDMS- und PACS-Landschaften vorauszusetzen, setzte das Team auf einen mobilen Wagen mit Kameras, Bildschirm, Videotechnik und ergänzenden Anschlussmöglichkeiten. Für den Basiseinsatz ist kein aktiver Fremdzugriff auf die lokalen Primärsysteme des Partnerhauses erforderlich. Relevante Befunde oder Geräteinformationen können im Konsil gezielt gezeigt oder übertragen werden.

Der Ansatz folgt einer klaren klinischen Priorisierung: Das zugeschaltete Team soll einen möglichst belastbaren Eindruck von Patient, Monitoren, Beatmung und weiteren relevanten Informationen erhalten. Gleichzeitig sollen Installation, Schulung und Nutzung für das Partnerkrankenhaus beherrschbar bleiben. Datenschutz und ärztliche Verantwortlichkeiten sind dabei keine nachträglichen Ergänzungen, sondern Teil des Grundkonzepts.

Netzwerkaufbau ist mehr als Technik

Ein einsatzfähiger Wagen allein schafft noch kein telemedizinisches Netzwerk. Neue Abläufe müssen erklärt, Zuständigkeiten festgelegt und Vorbehalte ernst genommen werden. Schorscher besuchte nach eigenen Angaben neu angebundene Kliniken persönlich, stellte das System vor und arbeitete mit den Teams vor Ort an der praktischen Nutzung. Gerade dieser Teil ihrer Arbeit wird in den öffentlichen Porträts deutlich: Die Akzeptanz einer telemedizinischen Lösung entsteht nicht durch technische Leistungsdaten, sondern durch Vertrauen in den Prozess.

Im Dezember 2023 berichtete das UKW, dass der Ansatz an allen bayerischen Universitätsklinik-Standorten etabliert worden sei. Ein Porträt aus dem Jahr 2025 nannte für jede beteiligte Universitätsklinik drei bis fünf Partnerkrankenhäuser und für das UKW zehn Partnerkliniken. Diese Zahlen bilden den damaligen Projektstand ab.

Projektberichte beschreiben zudem Fälle, in denen durch die zusätzliche telemedizinische Beurteilung Verlegungen vermieden werden konnten. Die öffentlich zugänglichen Quellen nennen hierzu allerdings keine quantifizierte Auswertung. Seriös lässt sich daher festhalten: Der Ansatz unterstützt die gemeinsame Entscheidung, ob eine Behandlung vor Ort fortgeführt werden kann oder eine Verlegung in ein spezialisiertes Zentrum erforderlich ist.

Der Schritt zu LUNOVIA

Die Arbeit im Pilotprojekt machte ein wiederkehrendes Problem sichtbar: Zwischen einem überzeugenden Prototyp und einer dauerhaft nutzbaren Versorgungsstruktur liegt ein erheblicher Umsetzungsschritt. Krankenhäuser benötigen nicht nur Technik, sondern ein abgestimmtes Zusammenspiel aus klinischem Anwendungsfall, Prozessdesign, Datenschutz, Dokumentation, Schulung, Support und Netzwerkorganisation.

Aus dieser Perspektive heraus gründete Nora Schorscher gemeinsam mit Luis-Fernando Peralta und Maximilian Göpfert die LUNOVIA GmbH. Das Unternehmen ist eine eigenständige Gesellschaft und entwickelt mobile Telemedizinlösungen für die fachärztliche Zusammenarbeit. Nach Unternehmensangaben verantwortet Schorscher als Chief Medical Officer die medizinische Leitung und die klinische Produktentwicklung.

Ihre Rolle bei LUNOVIA ist damit mehr als die einer medizinischen Repräsentantin. Sie bringt die Fragen in die Produkt- und Implementierungsarbeit ein, die im Krankenhaus über Nutzung oder Nichtnutzung entscheiden:

  • Reicht die übertragene Information für den vorgesehenen klinischen Anwendungsfall aus?
  • Lässt sich die Lösung in reale Stations- und Bereitschaftsabläufe integrieren?
  • Sind Verantwortlichkeiten, Datenschutz und Dokumentation nachvollziehbar geregelt?
  • Wie werden aus einzelnen Konsilen tragfähige Beziehungen zwischen Einrichtungen?

Diese Fragen bestimmen auch die Positionierung von LUNOVIA. Der mobile Telemedizinwagen LUNA X1 ist der sichtbare Zugangspunkt. Der eigentliche Gegenstand ist jedoch die strukturierte Zusammenarbeit zwischen medizinischen Einrichtungen – vom ersten Konsil bis zum belastbaren regionalen Netzwerk.

Dabei ist eine institutionelle Trennung wichtig: Das bayerische Pilotprojekt und die Entwicklung des Würzburger Teleintensivwagens sind Leistungen eines interdisziplinären Teams am Universitätsklinikum Würzburg. LUNOVIA ist keine organisatorische Einheit des UKW, sondern ein eigenständiges Unternehmen. Die Verbindung liegt in der klinischen und technischen Erfahrung, die Mitglieder des Gründerteams aus der Projektarbeit in die weitere Produkt- und Umsetzungsentwicklung einbringen.

Auszeichnung für Umsetzungsstärke

Für ihre Arbeit am Teleintensivwagen und am Aufbau telemedizinischer Netzwerkstrukturen wurde Nora Schorscher mit dem Thieme Management Award als „Senkrechtstarterin des Jahres 2024“ ausgezeichnet. Die Auszeichnung wurde Anfang 2025 bekanntgegeben.

Bemerkenswert ist dabei weniger das Bild einer einzelnen „Senkrechtstarterin“ als die Art der Leistung, die ausgezeichnet wurde. Schorscher hat ein klinisches Problem nicht nur beschrieben, sondern gemeinsam mit einem interdisziplinären Team in eine nutzbare Struktur übersetzt. Dazu gehörten technische Entscheidungen ebenso wie Kommunikation, Projektsteuerung und die Arbeit mit den Partnerkliniken.

Medizinische Wirkung und unternehmerischer Anspruch

Nora Schorschers Weg zu LUNOVIA ist deshalb keine klassische Geschichte vom Wechsel aus der Medizin in ein Start-up. Sie bleibt klinisch tätig und verbindet zwei Wirkungsebenen: die unmittelbare Verantwortung für einzelne Patientinnen und Patienten und die Arbeit an Strukturen, durch die medizinische Expertise mehr Einrichtungen erreichen kann.

Genau darin liegt ihr Beitrag als Mitgründerin. Sie hält die Produktentwicklung an der Realität des Krankenhauses fest. Eine Lösung muss nicht nur technisch funktionieren. Sie muss in Schichtsysteme, Verantwortungsstrukturen, Datenschutzanforderungen und klinische Entscheidungswege passen. Erst dann wird aus digitaler Kommunikation medizinisch relevante Zusammenarbeit.

Für LUNOVIA ist diese Perspektive keine ergänzende Markenbotschaft, sondern ein Teil der Unternehmenslogik: Telemedizin soll nicht zusätzliche Komplexität erzeugen, sondern spezialisierte Expertise dort verfügbar machen, wo sie im konkreten Versorgungsfall gebraucht wird.

Redaktioneller Hinweis: Dr. Dr. med. Nora Schorscher ist Mitgründerin und Chief Medical Officer der LUNOVIA GmbH. Dieser Beitrag erscheint auf der Unternehmenswebsite von LUNOVIA und ist daher kein unabhängiges journalistisches Porträt. Angaben zum Universitätsklinikum Würzburg und zum Pilotprojekt wurden anhand der unten aufgeführten öffentlich zugänglichen Quellen eingeordnet. Rollen und Leistungen des UKW-Projekts und der LUNOVIA GmbH werden bewusst voneinander getrennt dargestellt. Quellenstand: 15. Juli 2026.

Quellen

  1. kma Online: „Nora Schorscher – Digitale Brückenbauerin“, veröffentlicht am 21. Februar 2025.
  2. Universitätsklinikum Würzburg: Personenprofil Dr. med. Nora Schorscher, Funktionsoberärztin und Leiterin des Pilotprojekts Tele-Intensivmedizin.
  3. Universität Würzburg / einBLICK: „Neues Konzept für teleintensivmedizinische Visiten“, veröffentlicht am 6. September 2022.
  4. Universitätsklinikum Würzburg: „Teleintensivmedizin: Würzburger Pilotprojekt nun bayernweit an allen Uniklinik-Standorten etabliert“, veröffentlicht am 12. Dezember 2023.
  5. Universität Würzburg / einBLICK: „Anästhesistin ist ‚Senkrechtstarterin des Jahres‘“, veröffentlicht am 25. Februar 2025.
  6. Medicom, INTENSIV-News 6/2024: Dr. Dr. med. Nora Schorscher, „Teleintensivmedizin Bayern – Ein Pilotprojekt, das Barrieren abbaut und Expertise in der Fläche fördert“.
  7. LUNOVIA: „Über uns – Das Team hinter LUNOVIA“, Angaben zur Rolle als Co-Founder und Chief Medical Officer.
  8. Universitätsklinikum Würzburg: Projektseite „Pilotprojekt Tele-Intensivmedizin in Bayern“.

Mehr zum Thema

Teleintensivmedizin

Weitere Beiträge